Mein Name ist Franziska Lüttich, ich bin Jahrgang 1961, in Hamburg geboren. Bis 2006 war ich beim Thema „Flucht und Vertreibung“ nahezu ahnungslos. Und ehrlich gesagt auch total desinteressiert. Oder genervt. Oder alles drei. Ja, es war alles drei. Ahnungslos, desinteressiert und genervt. Ich erzähle Ihnen jetzt, was das Thema für mich früher bedeutete, was ich wusste, was ich nicht wusste – und wie das heute aussieht. Dies ist kein Fachvortrag. Ich habe nicht wochen- oder monatelang recherchiert. Ich habe diesen Vortrag vor ein paar Jahren relativ schnell in meinen Laptop geklappert und schon mal, es muss 2020 gewesen sein, im „Haus der Heimat“ in Stuttgart gehalten.
Ich bin eine von den Menschen, von denen es „da draußen“ Millionen gibt. Allein 1961 wurden in Deutschland über 1,3 Millionen Kinder geboren. Meine Erfahrungen mit dem Thema „Flucht und Vertreibung“ sind daher sicher kein Einzelfall. Dieser Vortrag ist mein zutiefst persönlicher Bericht über ein generationsübergreifendes Trauma, von dem ich lange keine Ahnung hatte. „Flucht und Vertreibung“, Begriffe, die das Ausmaß der Tragödie nicht mal ansatzweise in seiner ganzen Tragweite erfassen…
… Ende Januar 1945 ging es dann richtig los mit der Flucht. Und es war gefühlt das erste Mal, dass ich diese Bilder wirklich sah. Wahrscheinlich hatte ich sie schon ein paarmal gesehen. Wenn Dokus anfingen, im Fernsehen. Die ich nicht sehen wollte, weil ich Angst hatte vor dem Schrecken und sie deshalb weggeschaltet habe. Oder weil ich auch Angst hatte etwas zu entdecken, was mit mir und dem Thema zu tun haben könnte.
Ich erfuhr: Die großen Straßen auf der Flucht waren nur für das Militär. Die Trecks mussten sich über Feldwege und Äcker kämpfen. Die Menschen haben kaum gesprochen, sie waren im wahrsten Sinn des Wortes sprachlos vor Entsetzen und Trauer. Ich wusste schon, dass die Alleen mit den Leichen erfrorener Menschen, vor allem Kinder, gesäumt waren. In einem Buch erzählen Überlebende, dass eine Frau ihr totes Kind im Koffer hatte, weil sie es da, wo sie die Flucht beenden würden, beerdigen wollte. Es hatte mehr als Minus 20 Grad, da ging das…
Ein Treck schaffte maximal 10 Kilometer am Tag, die Rote Armee 35… Und Panzer weichen Trecks nicht aus. Sie „überrollen“ die Trecks, und das ist keine Floskel. Denn sie fuhren einfach drüber. Zermalmten Wagen, Menschen und Tiere. Ohne Gnade. Ich war sofort dankbar, dass die meisten Filme schwarz-weiß waren. Farbig wäre es wohl gar nicht auszuhalten gewesen. Im Film. In der Realität war es farbig. Und nicht auszuhalten.
Aber ich erfuhr auch, dass es russische Soldaten gab, die Frauen erst vergewaltigten und sich dann entschuldigten. Die sagten „Nicht weinen“ und ihnen dann eine Uhr schenkten – die sie vorher wahrscheinlich irgendwo geraubt hatten. Und die ihr Essen mit hungernden deutschen Kindern teilten, wie ich auch später von Siegfried Kaesse erfuhr, dessen Biografie „Es gab solche und solche“ ich schreiben und vertonen durfte….
Der gesamte Vortrag als PDF-Datei.
Das Buch „Es gab solche und solche“ als Hörbuch
oder zum Lesen als PDF-Datei.