„Der Nikolaus hat unseren Kaffeewärmer auf!“
Die sehr gut besuchte 154. Preußische Tafelrunde war rundherum ein voller Erfolg. Die traditionsreiche Veranstaltung, die vom neu gewählten Ersten Landesvorsitzenden der Landsmannschaft Ostpreußen, Dr. Georg Müller, organisiert worden war, fand wieder in Pforzheim statt. Im Mittelpunkt stand der Festvortrag von Frank Allies, der die Gäste mit bewegenden Erinnerungen aus seiner Kindheit in Ostpreußen und seinen Fluchterlebnissen fesselte. Künstlerischen Glanz verlieh der Veranstaltung die Tanzgruppe der Tanzschule Nathalie.
Tradition trifft Begeisterung
Seit 1966 findet die Preußische Tafelrunde statt – und auch die 154. Ausgabe zeigte erneut, wie lebendig diese Tradition ist. Schon im vergangenen Jahr waren die Teilnehmerzahlen gestiegen; in diesem Jahr sind noch einmal deutlich mehr Besucher gekommen. Der Organisator zeigte sich überaus erfreut: „Es ist wunderbar zu sehen, dass unser kulturelles Erbe und die Erinnerung an Ostpreußen so großes Interesse finden.“ Die Besucher waren begeistert und haben das Programm mit viel Applaus gewürdigt.
Emotionaler Höhepunkt
Für einen emotionalen Höhepunkt sorgte Uta Lüttich, die während ihrer langen Zeit als Vorsitzende der Landesgruppe und Organisatorin der Preußischen Tafelrunde das Bild Ostpreußens im deutschen Südwesten entscheidend geprägt hat. Sie war – trotz Krankheit – mit ihrer Schwiegertochter aus Bayern zur Preußischen Tafelrunde angereist. Dabei überbrachte sie ein kostbares, in Leder gebundenes Buch, in dem sich die Teilnehmer früherer Tafelrunden mit ihrer Unterschrift verewigt haben.
Dr. Müller nahm dieses kostbare Gut im Namen der Landsmannschaft Ostpreußen entgegen und dankte Frau Lüttich für diese große Geste – die Teilnehmer der Preußischen Tafelrunde taten es mit großem, lang anhaltendem Applaus, der auch dem Lebenswerk von Frau Lüttich galt.
Ein festliches Programm
Die Tanzgruppe der Tanzschule Nathalie aus Stuttgart, die vor allem aus Kindern von Deutschen aus Russland besteht, gab der Tafelrunde einen glanzvollen kulturellen Rahmen. In historischen Kostümen sowie mit modernen Tanzdarbietungen begeisterten die Tänzerinnen das Publikum. Jede Darbietung erhielt sehr großen Beifall.
Erinnerungen eines Ostpreußen
Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete der Festvortrag von Frank Allies, der im Jahr 1936 in Nikolaiken in Ostpreußen geboren wurde. Mit seinen 89 Jahren begeisterte er die Gäste mit lebhaften Schilderungen seiner Kindheit und der dramatischen Flucht aus Ostpreußen.
Kindheit in Ostpreußen
Frank Allies wuchs in einer behüteten, bürgerlichen Familie auf. Von Nikolaiken zog seine Familie nach Niedersee im Kreis Sensburg, wo sein Vater Martin bei der Firma Richard Anders, einem der größten Holzunternehmen Ostpreußens, als Holzkaufmann tätig war. Niedersee war damals ein Luftkurort und ist heute Teil der Stadt Ruciane-Nida in der Woiwodschaft Ermland-Masuren, einem beliebten Urlaubsort inmitten der Masurischen Seenplatte.

Frank Allies hat an das Ostpreußen seiner Kindheit viele schöne Erinnerungen: „Ostpreußische Winter waren eiskalt, mit über einem halben Meter Schnee und minus 20 Grad.“ Er erzählt von heftigen Gewittern mit Blitzen, Eissegeln auf zugefrorenen Seen, Schlittschuhlaufen und lupinenreichen Landschaften, die seine Kindheit prägten. „Wir liefen bis zum ersten Schnee barfuß in die Schule“, einer kleinen Zwergschule, an die er gern zurückdenkt. Er erinnert sich, wie der Nikolaus zu ihnen nach Hause kam und der kleine Frank bemerkte: „Der Nikolaus hat unseren Kaffeewärmer auf.“
Der Krieg und die Flucht
Trotz der behüteten Kindheit erlebte er auch frühe Entbehrungen: „Ich weiß, was Hunger ist“, erzählte er. Der Vater von Frank Allies wurde schon früh zur Wehrmacht eingezogen und kehrte nur selten nach Hause zurück. Allies erinnert sich: „Ich war der Letzte aus meiner Familie, der meinen Vater lebend gesehen hat.“ Er wurde später an der Ostfront als vermisst gemeldet. Wahrscheinlich ist er dort gefallen.
Im Januar 1945 begann die dramatische Flucht der Familie. Ein Soldat klopfte an die Tür ihres Hauses und sagte zu ihnen: „Sie haben eine Stunde Zeit zum Packen! Dann wird die Brücke gesprengt!“ Alles musste hastig zusammengerafft werden, darunter auch eine Tasche mit allen Papieren.
Bevor der Zug abfuhr, hat die Mutter ihn gefragt: „Wo ist die Tasche mit den Papieren?“ Diese war in der Wohnung geblieben. Ein Soldat eilte zurück, um sie zu holen. Doch als er sie seiner Mutter durch das Fenster des Zuges geben wollte, fuhr dieser ab. Sie verließen sie ihre Heimat ganz ohne Papiere, die für immer verloren blieben.
Die Flucht führte zunächst über Heiligenbeil und das zugefrorene Haff, wo sie von Jagdbombern verfolgt wurden. Der kleine Frank bekam eine Schnur um den Bauch und zog einen Wagen, in dem sein Bruder Hartmut saß. Endlich, im April 1945, bekamen sie in Pillau einen Platz auf einem Schiff und fuhren mit diesem über die Ostsee nach Dänemark, das noch von deutschen Truppen besetzt war. Dort kamen sie nach dem Krieg in ein Flüchtlingslager, in dem schreckliche Zustände herrschten: Latrinen, Notdurft auf Donnerbalken, Hunger und Tausende weitere Flüchtlinge prägten diese Zeit. Frank Allies wird diese Zeit seiner Kindheit hinter Stacheldraht nie vergessen. Vor allem aber eines kann nie wieder aus seinem Gedächtnis verschwinden: Dort ließ man seinen kleinen Bruder verhungern.
Frank Allies, der in seinem Leben einige Auszeichnungen verliehen bekam wie die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg und die Hans-Böckler-Medaille der Gewerkschaft, beschrieb auch die emotionale Dimension der Rückkehr zu seinem Elternhaus viele Jahre nach der Flucht: „Wenn man sein Elternhaus wieder sieht: Was geht da in einem vor?“
Brückenbauer statt Museumsbesucher
Zum Abschluss der Preußischen Tafelrunde betonte Dr. Georg Müller: „Wir von der Landsmannschaft Ostpreußen wollen keine Museumsbesucher sein, sondern Brücken bauen von der Vergangenheit in eine friedliche Zukunft.“
Damit fasste er den Geist der Veranstaltung treffend zusammen: Die Preußische Tafelrunde verbindet Tradition, Erinnerung und Kulturpflege mit der Zukunft, fördert den Austausch zwischen Generationen und hält das Erbe Ostpreußens lebendig.
Dr. Georg Müller
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